Urlaub auf dem Hausboot

 

Ein Beitrag von Sascha Burkhardt, erschienen im Magazin "SPRINT".

 

Fachleute der Tourismusbranche sind sich einig: der Urlaubstrend geht eindeutig zurück in Richtung origineller und naturnaher Ferien. Immer mehr Ausflügler packen das Zelt ins Auto, um "back to the roots" in direktem Kontakt mit der Natur zu übernachten, oder ziehen ihr Urlaubsheim in Caravanform mit dem Allradwagen mitten ins Grün. Nicht erstaunlich also, daß auch "schwimmende Wohnwägen" immer aktueller werden - zumal man zum Führen eines Hausbootes in vielen Ländern noch nicht einmal einen Bootsschein braucht!

Das Prinzip des "Kanaltourismus", wie ihn die Fremdenverkehrsprofis ganz unromantisch nennen, ist eigentlich ganz einfach: bei einer große Zahl von Vermietern kann jeder Möchtegernkapitän ein Boot leihen, damit gemächlich auf einem Kanal oder Fluß herumschippern und abends irgendwo am Ufer festmachen, um in seinem schwimmenden Heim zu übernachten. Natürlich sucht man sich als Fahrrevier für ein solches Unterfangen kleine Kanälchen, auf denen es schon lange keinen Berufsverkehr mehr gibt und die sich gemütlich durch wilde Landschaften schlängeln. Die gedrosselten Maschinen lassen sich recht einfach bedienen, und nach einer kurzen Einweisung können auch nautisch vollkommen Unerfahrene ihren Kahn lässig beherrschen. Diese Boote fahren recht langsam - auf den meisten Revieren sind sie auf sechs bis acht Stundenkilometer beschränkt. Denn der Sinn der Sache ist auf keinen Fall, mit Volldampf durchs Wasser zu preschen. Im Gegenteil: auf einem Hausboot geht alles mit Muße vor sich. Die Schiffe haben auch äußerlich nicht das geringste mit Rennbooten gemeinsam: sie sind häufig um die elf Meter lang und fast vier Meter breit. Und innen drin werden sie der Bezeichnung "Hausboot" mehr als gerecht: da findet der entspannungssuchende Urlauber eher echte Wohnzimmer denn beengte Kajüten, wie man sie von schnittigen Seglern oft kennt. Selbst ein gläserner Aschenbecher darf locker auf dem Couchtisch stehen: Seegang gibt's auf Kanälen nicht!

Außer vielleicht in den Schleusen: man könnte fast meinen, diese Becken seien nicht dazu da, die Boote auf das Niveau des nächsthöheren Kanalabschnittes zu hieven, sondern dienten eher als kleine würzende Einlage, um den sonst so gemächlich tuckernden Hobbykapitän etwas aufzuwecken. Dabei ist selbst das Schleusen nicht schwierig: sobald die großen wassertriefenden Tore ächzend aufgehen, fährt man ganz einfach hinein und macht das Boot mit zwei Tauen vorne und hinten fest. Wenn der Schleusenwärter dann das Wasser aus der Kammer heraus- beziehungsweise hineinströmen läßt, hält man die Taue einfach straff, damit das Boot in der brodelnden Wassermasse nicht gegen die anderen wummert. Und wenn es doch passiert: vor allem die Leihboote sind mit schweren Gummifendern richtiggehend gepanzert. Dennoch ist das für Unerfahrene zumindest bei den ersten Malen ganz schön aufregend, und die berühmte Fonséranne- Schleuse auf dem französischen Canal du Midi bleibt so manchem schleusenungewohnten Skipper in der Erinnerung haften. Die Urlauber nämlich, die ihr Schiff in der südfranzösischen Stadt Beziers übernehmen, um den berühmten Verbindungsweg zwischen Mittelmeer und Atlantik in Richtung Carcassonne abzufahren, stoßen gleich sofort hinter der imposanten Kanalbrücke auf die verschachtelten Kammern von Fonséranne. Durch den großen Hub dieses Schleusensystems strömen die Wassermassen recht heftig ein. Und selbst wenn das vollkommen harmlos ist: Unerfahrene haben das Gefühl, in einem Videospiel zu agieren. Kaum ist ein "Level" geschafft und die erlösende Pforte aufgegangen, wartet schon herausfordernd die nächste gischtspritzende Hölle. Sozusagen die "nasse Feuertaufe" des Kanalurlaubers!

Danach geht das dafür um so ruhiger weiter: nach Fonséranne bleibt der Canal du Midi über fünfzig Kilometer lang "schleusenfrei". "Le Canal", wie ihn die Einwohner der südfranzösischen Languedoc kurz nennen, ist übrigens kürzlich von der UNESCO zum "Kulturerbe der Menschheit" gekürt worden. Der geniale Pierre Paul Riquet, der diese Wasserstraße als kürzeste Verbindung zwischen Atlantik und Mittelmeer im 17. Jahrhundert erdachte und konstruierte, hat sich beim zweifellos einige architektonische Denkmäler gesetzt. Alleine die olivenförmigen Schleusenkammern stellen eine Besonderheit dar. Ganz zu schweigen von der Kanalbrücke über das Flüßchen Répudre: die Zeitgenossen Riquets hatten damals nicht schlecht gestaunt, als sie zum ersten Mal Kähne über eine Brücke fahren sahen - statt darunter.

Doch nicht nur die geschichtlichen Aspekte machen dieses Fahrtrevier so interessant, sondern auch die Landschaft. Der Canal du Midi zieht auf diesem Teilstück einen grünen Strich bis zu den Ufern des Mittelmeers durch die hitzeflirrende Buschlandschaft Südfrankreichs - genau da also , wo der "Midi" wirklich nach "Mittag", "Süden" und "Sonne" klingt, wo das Zirpen der Grillen dem ohrenbetäubenden Ratschen der Zikaden Platz macht und wo Fische und Auberginen in Olivenöl braten. Zwischen Carcassonne und Sète schlängelt sich der enge "Canal" unter schattenspendenden Platanen als grüne Oase genau durch diese parfümreiche und trockene mediterrane Landschaft. Der Skipper, der langsam durch die stillgestandene Zeit dieses romantischen Fahrtreviers tuckert, erwartet fast jeden Moment, daß auf dem ufersäumenden Treidelpfad eines jener kräftigen Pferde auftauche, welche zu Riquets Zeiten die schwer mit Weizen und Wein beladenen Schiffe ziehen mußten. Heutzutage, wo die Rösser in den Pferdestärken der Motoren verborgen sind, trifft man auf den Pfaden, wenn überhaupt auf jemanden, nur noch auf Jogger, die die gemächlich tuckernden Boote lässig überholen. Die Pferde gibt es natürlich nicht mehr, seit der Kanal nur noch zum Vergnügen der Skipper offen gehalten wird.

Immer noch da sind hingegen die vielen Schleusen, die kurz vor Carcassonne wieder alle paar Kilometer auftauchen und das Vorankommen weiter verlangsamen. Der einzige Unterschied zu Riquets Zeiten: auf diesem Teilstück müssen die schweren Schieber in den mächtigen Toren nicht mehr von Hand bedient werden. Die Modernität hat aber nur einen kleinen Teil der Romantik verdrängt - selbst wenn die Kurbeln elektrisch bedient werden, ächzen und quietschen die rostigen Ventile immer noch wie vor hundert Jahren. Auch die Schleusenwärter bleiben genauso gemütlich wie vormals: wenn Mittag ist, dann verkriechen sie sich zum "Déjeuner" in ihre herrlichen alten Wärterhäuschen und lassen den lieben Gott und die wartenden Kapitäne gute Männer sein. Solche Zwangspausen stören niemanden - dann werden eben zwei Pflöcke ins Ufer gerammt, das Schiff wird festgemacht und der Tisch auf dem Deck angerichtet - im kühlen Schatten der von kreischenden Zikaden besetzten Bäume. Zum Glück haben die weit ausladende Äste, denn bei den südfranzösischen Temperaturen hielte es sonst mittags niemand lange an Deck aus. Zumal die braune Brühe des Kanals nicht gerade zum erfrischenden Bad einlädt, selbst wenn es immer noch einige Hartgesottene gibt, die sich von der Trübe des Wassers nicht stören lassen. Dreihundert Tage Sonne pro Jahr - die "Languedoc" genannte Region läßt zumindest dem sommerlichen Besucher wenig Chancen, die Kajüte des Bootes oft von innen zu betrachten. Und wenn spät abends die Feuchtigkeit des Kanals langsam die Bordwände hochkriecht, ist es in der süßlich duftenden Luft immer noch warm genug, um vor einem guten Glas Rotwein auf Deck die funkelnden Sterne zu zählen.

Noch etwas weiter nördlich liegt die Schleuse "de l'Aiguille". Da kurbelt doch tatsächlich noch ein Männchen die Schieber auf und zu. Allerdings ist dieser fleißige Helfer aus Holz und gehört zu den Dutzenden geschnitzten Figuren, die das Bauwerk bewachen. Der Schleusenwärter Joel Barthes hat nämlich scheinbar genug Zeit, um aus jedem herumliegenden Holzstück oder Baumstamm ein lebendiges Geschöpf zu machen. Grinsende Frösche sitzen im Gras neben den Schleusenkammern, Boas schlängeln sich um die Schaltkästen, und am Eingang streckt ein zylinderbehuteter Troll dem staunenden Besucher die Zunge entgegen. Überhaupt stellen die Schleusen die "Knotenpunkte des sozialen Lebens" am Kanal dar. Hier treffen sich alle Hobbykapitäne wieder, und die angenehmen Zwangsstopps vor und hinter den großen Toren sind allen Wassertouristen willkommene Anlässe zum Shopping. Die Wärter stellen sich darauf ein: der eine verkauft eben seine Holzskulpturen, andere bieten Eier, Honig, Wurst oder Brot. Bei der Schleuse von Pechlaurier zum Beispiel thront über dem Schauspiel der hektisch gestikulierenden Freizeitkapitäne schmunzelnd ein alter Herr mit zünftigem Bart und preist den erschöpften Schleusenkämpfern nach getaner Arbeit seine hausgemachten Weine an. Der gute Mann paßt trefflich zum Canal du Midi: man könnte glauben , er säße schon seit Riquets Zeiten da.

"Le Canal" gilt nicht umsonst als eines der romantischsten Fahrreviere: die Zeit scheint bei dem sanften Tuckern stehenzubleiben. Am deutlichsten wird das, wenn der Freizeitkapitän sein Gefährt am letzten Urlaubstag wieder abgibt und in das quirlige Leben der südfranzösischen Städte eintaucht: da mag er sich fast fragen, ob das ruhige Treiben auf dem Kanal nicht nur ein Traum aus vorherigen Jahrhunderten gewesen sein möge...


 

Infos:

Wir haben unser Boot bei AMICA-Tours gechartert.

Amica Tours La Maison du Canal 8, rue des Peniches F-34500 Beziers Tél (00 33) 467 62 18 18 Fax (00 33) 467 35 05 12

Saison: Für den Kanaltourismus eignet sich fast jede Saison - schließlich fährt man das schützende Haus mit sich herum. In der Hochsaison sind die beliebtesten Ferienreviere allerdings übertrieben voll. Gerade für den Canal du Midi bieten sich besonders Frühjahr und Herbst an: die Temperaturen sind in der Regel angenehm, und der "Canal" ist nicht überfüllt.

© Sascha Burkhardt

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